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Ein menschenleerer Massageraum mit Bodenmatratze, Korbsessel, gelber Decke und einem gerahmten Schwarz-Weiß-Porträt von Osho.

Osho und die Tantra-Massage

Ein problematisches Erbe.

Wo die kritische Auseinandersetzung mit Osho fehlt, entsteht ein verklärtes Bild.

Michael Köllner · 12. Juli 2026

Worum es geht

Meister, Philosoph, Mystiker und kaum ein kritisches Wort.

In Teilen der Tantra-Massage-Szene fehlt eine kritische Auseinandersetzung mit Osho, dem Begründer der Bhagwan-Bewegung.

Das halte ich für bedenklich, denn so entsteht ein verklärtes Bild seiner Person.

Das folgende Interview entstand am 12. Juli 2026 im Live-Dialog mit einer KI. Die Fragen wurden im Gespräch entwickelt, die Antworten und die darin vertretenen Positionen stammen von mir.

Warum Osho?

Ein rotes Tuch.

Frage

Michael, warum beschäftigt dich Osho so sehr, obwohl deine eigene Arbeit gar nicht auf ihm aufbaut?

Michael

Weil er mir immer wieder begegnet, wenn ich mir Homepages von Kolleginnen und Kollegen anschaue. Dort wird er als Begründer der Tantra-Massage genannt, als Meister, Philosoph oder Mystiker.

Erfunden hat Osho die Tantra-Massage nicht. Aber ohne ihn wäre das westliche Neo-Tantra, aus dessen Umfeld sie später entstand, kaum denkbar. Insofern ist es nachvollziehbar, dass sich Tantra-Studios bis heute auf ihn beziehen. Schwierig wird es für mich dort, wo daraus eine unkritische Verehrung wird, als wäre er eine spirituelle Autorität.

Ich selbst habe mich in meiner Arbeit nie auf ihn bezogen, sondern auf Andro (Andreas Rothe). Irgendwann habe ich mich deshalb gefragt, warum Osho auf manchen Seiten so selbstverständlich erwähnt wird, und das oft ohne kritische Einordnung.

Mit der Bhagwan-Bewegung kam ich in den 70er- und 80er-Jahren vor allem dadurch in Berührung, dass damals deutlich vor ihr gewarnt wurde. Sie galt als problematische Sekte. Es gab Berichte, nach denen Menschen ausgebeutet, zur Arbeit verpflichtet und von ihrem sozialen Umfeld getrennt worden seien. Osho selbst lebte zugleich in großem Luxus, man denke an seine Uhrensammlung und seine vielen Autos. Das passt für mich nicht zu einem Meister.

Das schwingt bei mir bis heute mit. Ich habe eine tiefe Abneigung dagegen, wenn Menschen andere, gutgläubige und vertrauensvolle Menschen manipulieren oder gar missbrauchen. Dafür habe ich feine Antennen. Vielleicht reagiere ich empfindlicher als andere, weil meine eigene Lebensgeschichte mich dafür wach gemacht hat. Osho ist für mich bis heute ein rotes Tuch.

Frage

Was genau meinst du mit „rotes Tuch“? Geht es um bestimmte Aussagen von ihm, um die Strukturen um ihn herum oder eher um ein Gefühl?

Michael

Schwierig finde ich es, wenn Menschen sich eine Aura der Unerreichbarkeit geben oder sie von anderen bekommen. Genau das ist bei Osho in meiner Wahrnehmung geschehen. Was mich dabei beschäftigt, ist, dass sich so viele Menschen darauf eingelassen haben. Ich frage mich, wo da die Mündigkeit blieb, das eigene Nachdenken, das kritische Hinterfragen. Wurde der Verstand an der Tür abgegeben, nach dem Motto „Du musst vertrauen, also denke nicht“?

Manchmal wirkt es auf mich, als wären viele einem falschen Hirten gefolgt, ohne zu prüfen, wer er war, was er wollte und wohin der Weg führte. Denn die Wirklichkeit in einigen seiner Ashrams stand im Gegensatz zu dem, was er predigte. Und nach allem, was ich weiß, ließ er diese Zustände zu.

Wenn jemand als Meister, Mystiker oder besonders erleuchteter Mensch gilt, wirkt Kritik schnell unangebracht. Gerade dann wäre kritisches Denken aber wichtig, um Machtmissbrauch zu verhindern und das Vertrauen der Menschen zu schützen. Manche Aussagen von Osho klingen schön und gehen leicht ins Ohr. Auch ich merke, dass ich einige seiner Sätze unterschreiben würde.

Mündigkeit

Wer trägt Verantwortung?

Frage

Mündigkeit ist ein starkes Wort. Enttäuschen dich eher die Menschen, die nicht kritisch genug waren, oder das System, das solche Dynamiken erzeugt?

Michael

Das lässt sich schwer trennen. Einerseits wünsche ich mir, dass Menschen mündig sind und ihre Verantwortung nur mit viel Bedacht an Strukturen oder an Menschen abgeben, die vermeintlich weiter sind als sie selbst.

Andererseits entsteht in solchen Gemeinschaften eine Dynamik, die genau diese Mündigkeit erschwert. In den Ashrams gab es Gruppendruck und psychische Abhängigkeiten. Menschen gaben ihr Geld ab, Beziehungen wurden abgebrochen, Kontakte nach außen beendet. Irgendwann war man auf die Gemeinschaft angewiesen.

Was mich wirklich ärgert: Es gab dort jemanden, der als Meister, Mystiker und Philosoph verehrt wurde und als besonders „erleuchtet“ galt. Und dieser Mensch hat, soweit ich weiß, nichts dagegen getan, dass solche Dynamiken in seinen Gemeinschaften entstanden. Er hat sie offenbar weder gestoppt, noch ist er eingeschritten. Er hat das Leid seiner Anhänger offenbar in Kauf genommen und sogar davon profitiert. In meiner Wahrnehmung hat er sich stattdessen auf eine Wolke der Erhabenheit zurückgezogen und von oben zugesehen.

Frage

Da klingt weniger historische Neugier an als Ärger über fehlende Verantwortung. Stimmt das?

Michael

Ja, das trifft es. Wer von sich sagt, erleuchtet zu sein und mehr zu wissen als andere, und wer als Lehrer etwas weitergeben will, trägt eine besondere Verantwortung.

Für mich besteht diese Verantwortung vor allem darin, sich selbst zu hinterfragen: Warum lehre ich? Wie lehre ich? Welche meiner Vorstellungen sind allgemeingültig, und welche sind meine ganz persönlichen Ansichten, die in einer Lehre nichts zu suchen haben? Was ist meine eigene Motivation?

Ob Osho sich diese Fragen gestellt hat, kann ich nicht beurteilen. Zumindest beim Thema Homosexualität erlebe ich ihn aber als widersprüchlich. Und es fällt mir schwer zu verstehen, dass viele seiner Anhängerinnen und Anhänger das offenbar nicht gesehen oder nicht hinterfragt haben. Einige haben gerade beim Umgang mit Homosexualität versucht, den „Meister“ umzustimmen. Ihnen hätte der Titel der „Erleuchtung“ eher zugestanden, finde ich.

Die Szene heute

Was verschwiegen wird.

Frage

Wenn Tantra-Studios heute Osho zitieren, sein Bild zeigen oder seine Sprache übernehmen: Was löst das bei dir aus? Und was wünschst du dir von ihnen?

Michael

Es ärgert mich, wenn einzelne Zitate, die Osho zugeschrieben werden, aus seinen Vorträgen und Büchern herausgelöst und auf Homepages gestellt werden. Oft sind es Übersetzungen, bei denen man zusätzlich fragen müsste, wie genau sie sind.

Mich stört dieses Arbeiten mit Versatzstücken. Einzelne Sätze auf der Homepage erzeugen eine bestimmte Aura, als wäre man selbst an etwas Besonderes angeschlossen, an die Übernatürlichkeit, die Osho zugeschrieben wurde und offenbar noch wird. Das ist schwer greifbar und lässt sich deshalb auch schwer hinterfragen.

Dazu kommt, dass Osho die Tantra-Massage nicht begründet hat. Trotzdem wird er manchmal so dargestellt, als sei sie seiner Eingebung entsprungen und als hätte er sie der Welt in selbstloser Liebe geschenkt. Das hat einen Beigeschmack: Dafür muss man dankbar sein, da darf es keinen Widerspruch geben.

Wo seine Zitate ohne Einordnung verwendet werden, entsteht leicht ein bestimmtes Narrativ, etwa so: Alles ist eins, alles ist gut, alles ist erleuchtet, freie Liebe, Sexualität ohne Scham, alle Menschen sind glücklich, gleich und erfüllt. Was daneben auch existierte und zum Teil schwer wiegt, wird nicht erwähnt.

Je mehr Zeit seit Oshos Tod vergeht, desto mehr setzt sich dieses Bild fest. Das halte ich für bedenklich.

Wer sich auf ihn beruft, sollte sich zumindest an einer gut sichtbaren Stelle von den problematischen Seiten Oshos und seiner Bewegung abgrenzen. Es reicht nicht, nur auf das zu schauen, was jemand gesagt hat. Entscheidend ist auch, was in der Wirklichkeit daraus folgt.

Frage

Du sprichst von Menschen, die innerhalb der Bewegung zu Opfern geworden sind. Was meinst du damit konkret? Und warum spielen für dich gerade der Umgang mit Missbrauch und Oshos Aussagen über Homosexualität eine Rolle?

Michael

Oshos propagierte sexuelle Freiheit war, so paradox es klingt, eine Freiheit mit Einschränkungen. Vor allem in den 1980er-Jahren, zur Zeit der AIDS-Krise, äußerte er sich abwertend über homosexuelle Menschen und stellte Homosexualität als krankhaft dar. Unter anderem sprach er sich dafür aus, dass homosexuelle Männer und lesbische Frauen eigene, von der übrigen Gesellschaft getrennte Gemeinschaften bilden sollten. Zu anderen Zeiten äußerte er sich positiver. Eine klare Haltung kann ich darin nicht erkennen.

Ein „Meister“, der freie Liebe für alle verkündet hat, gemeint war wohl eher freier Sex, schränkte sie also zugleich ein. Ich lese daraus: Heterosexualität ist die Norm, und es gibt ein paar Abweichungen, die man duldet oder auch nicht. Diese Sichtweise halte ich für falsch und überholt. Sie grenzt aus und wertet ab. Für eine Körperarbeit, die jeden Menschen annimmt, ist sie unbrauchbar, weil sie an der Wirklichkeit vorbeigeht. Osho hat offenbar nicht unterschieden zwischen seiner persönlichen Sicht, man könnte auch sagen seinen persönlichen Triggern, und einer Weisheit, die alle Menschen einschließt.

Die Dokumentation Children of the Cult (2024) sowie Berichte im Guardian (2024) und aktuelle Zeugenaussagen zeigen zudem ein düsteres Bild: Kinder wurden von ihren Eltern getrennt und teilweise gemeinschaftlich erzogen. Mehrere Betroffene berichten von sexuellem Missbrauch durch Erwachsene innerhalb verschiedener Rajneesh-Kommunen. Sarito Carroll schildert beispielsweise sexuellen Missbrauch, den sie bereits als Kind erlebte. Besonders schwer wiegt, dass Zeugenaussagen darauf hindeuten, dass zumindest Teile der Führung vom sexuellen Missbrauch Minderjähriger durch Erwachsene wussten.

Oshos ehemaliger Leibwächter Hugh Milne beschreibt in seinem Buch The God That Failed die brutale Realität der Encounter-Gruppen in Pune. Dort kam es zu massiven körperlichen und seelischen Grenzüberschreitungen und zu Verletzungen.

Wie kann man angesichts dessen Osho mit weichgespülten Zitaten auf die eigene Tantra-Massage-Seite stellen und meinen, das wirke besonders authentisch? Das verstehe ich nicht.

Frage

Es geht dir also nicht nur um das, was gesagt wird, sondern auch um das, was verschwiegen oder nicht eingeordnet wird. Wünschst du dir von der Szene eine ehrliche, sichtbare Einordnung statt Verklärung?

Michael

Ja. Transparenz halte ich für notwendig. Je länger Oshos Tod zurückliegt, desto leichter verklärt sich das Bild von ihm. Dazu trägt auch bei, was Anbietende heute auf ihren Homepages über ihn schreiben, und was sie dabei bewusst oder unbewusst weglassen. Wenn die Erinnerung an die damaligen Ereignisse verblasst, bleibt irgendwann nur noch dieses verklärte Bild übrig.

Viele von Oshos Ideen waren durchaus interessant, manche für ihre Zeit neu, mutig und provokativ. Gerade in den 60er- und 70er-Jahren, während der sexuellen Revolution, hatte das eine besondere Bedeutung. Trotzdem muss all das eingeordnet und hinterfragt werden. Sonst geraten die Menschen, die in dieser Bewegung zu Opfern wurden, immer mehr aus dem Blick. Vieles davon ist gut dokumentiert. Diese Menschen dürfen nicht aus der Geschichte verschwinden, nur weil sich im Nachhinein ein angenehmeres Bild von Osho durchsetzt.

Meine Arbeit

Klarheit statt Aura.

Frage

Du sprichst oft von Verantwortung und Klarheit. Was bedeutet das für deine eigene Arbeit? Und warum bist du bei Sprache, Atmosphäre und Sexualität so vorsichtig?

Michael

Ich weiß, wie groß die Gefahr sein kann, wenn Menschen sich körperlich sehr nahekommen. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie verletzend Grenzüberschreitungen sein können, und habe mich über mehr als vierzig Jahre mit diesem Thema auseinandergesetzt. Deshalb weiß ich, dass die Arbeit als Körperarbeiter eine Gratwanderung sein kann.

Als Masseur muss ich mir ständig bewusst sein, welche Verantwortung ich trage. Das braucht viel Empathie, Herzenswärme, Aufmerksamkeit und Feingefühl. Und es verlangt, mich immer wieder zurückzunehmen und zu fragen: Geht es gerade um meine eigenen Motive oder wirklich um den Gast? Was geschieht während der Massage, was wird gespiegelt, was geschieht in den Gesprächen, und wie ordne ich das ein? In diesem Sinn ist die Arbeit für mich auch eine anspruchsvolle psychologische Tätigkeit.

Gerade deshalb ist Klarheit für mich wesentlich, für den Gast wie für mich. Ein Gast muss sich bei mir von Anfang bis Ende sicher fühlen können. Er soll jederzeit spüren: Ich bin Herr über mich selbst. Ich darf sagen, was ich empfinde, was ich möchte und was ich nicht möchte.

Betritt er dagegen einen Raum, der schon mystisch aufgeladen ist, kann etwas anderes geschehen: Er erstarrt vielleicht oder gerät unwillkürlich in eine ehrfürchtige Haltung, vielleicht sogar in die Angst, sich falsch auszudrücken oder zu verhalten. Ich möchte nicht, dass ihm zuerst ein Gefühl von Ehrfurcht übergestülpt wird und er dann womöglich gar nicht mehr an seine eigenen Gefühle herankommt. Ein Gast bringt mit, was gerade in seinem Leben da ist.

Ich biete einen Rahmen mit Regeln und vor allem einen Raum. Dieser Raum muss leer sein, damit der Gast ihn mit sich selbst füllen kann. Erst dann kann etwas entstehen, erst dann geht es wirklich um ihn.

Deshalb sehe ich die vielen Versatzstücke kritisch. Oft folgen sie nicht einmal einer bestimmten spirituellen Richtung, sondern Gegenstände, Worte, Gesten und Traditionen werden vermischt. Mir fehlt darin die Klarheit für den Gast, und ich frage mich, wie geklärt der Masseur selbst ist.

Diese Klarheit brauche ich auch in der Sprache. Gerade bei Sexualität, Nähe und Erotik muss Sprache offen, angstfrei, schamfrei und verständlich sein. Deshalb tue ich mich mit einem Begriff wie „Lingam“ schwer. Ich verstehe den Gedanken dahinter: Dieser Körperteil soll aufgewertet und aus einem schambesetzten, medizinischen oder vulgären Zusammenhang herausgeholt werden. Meine Gegenfrage wäre aber: Ist er denn bei allen Männern so pauschal abgewertet? Einen Arm oder meine Finger benenne ich auch nicht neu, um ihnen mehr Wert zu geben. Warum darf der Penis nicht Penis heißen und dieses Wort mit Würde und Achtung gefüllt werden?

Ich möchte etwas anderes: Menschen sollen zu mir kommen und ohne Angst und Scham direkt über sich sprechen können. Sie sollen lernen, zu sich zu stehen und auszusprechen, was sie sonst im Alltag oder vielleicht auch in ihrer Partnerschaft nicht zu sagen wagen. Nichts unter den Teppich kehren, nicht drumherum reden, sondern die Worte benutzen, die ihnen in den Sinn kommen und am nächsten sind. Dafür ist der Raum da. Und dafür brauche auch ich eine direkte Sprache, ohne Wörter, die mit unserer westlichen Lebenswelt nichts zu tun haben.

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